GESUND FÜHLE ICH MICH…

…wenn ich gar nicht daran denke, ob ich gesund oder krank bin. Oder, wenn ich von etwas genesen bin. Wenn ich an Gesundheit denke, kann ich körperliche, seelische, soziale, geistige und spirituelle Gesundheit unterscheiden.

Gesundsein im physischen Sinn bedeutet für mich, dass die körperlichen Funktionen im Gleichgewicht zueinanderstehen. Sie sind aktiv und funktionieren, ohne wahrgenommen zu werden. Wenn ich die Aufmerksamkeit hinlenke, nehme ich sie als Wohlgefühl wahr.
Wenn die Lebensenergie fließt, bin ich offen für die Mitwelt, froh, kreativ und ruhig zugleich. Wenn ich gesund bin, habe ich die Freiheit zu denken und zu tun, Schmerzen und Übelkeit nehmen einem diese Freiheit. Ich kann aber geistig und seelisch gesund sein, obwohl ich körperlich Schmerzen habe.
Im Alter werde ich zunehmend dankbar dafür, wenn ich trotz allem zwischendurch wieder solche Wohlgefühle empfinde (atmen, schlafen, schmerzlose Bewegung etc) – je fragiler die „Gesundheit“ ist, umso bewusster wird sie. Ich spüre, dass Gesundheit dieser Gleichgewichts -zustand ist, an dem viele Faktoren beteiligt sind, die einander ergänzen, sich gegenseitig beeinflussen oder einander stören können.

Seelische Gesundheit empfinde ich, wenn ich die Möglichkeit habe, meinen Körper und meine Gefühle gut wahrzunehmen und mit anderen Menschen in gedeihliche Verbindungen zu treten. Wenn ich weder Druck noch Zwängen von außen oder inneren Ängsten ausgesetzt bin oder diese zu mindestens bewusst erleben, reflektieren und aushalten kann. Seelische Gesundheit ist leichter stabil zu halten, wenn ich in einem Umfeld von sozialer Gesundheit lebe. An potenziell krank machenden Umständen kann ich Resilienz entwickeln, so ich erlebt und gelernt habe, dass ich in problematischen Situationen auf Zuneigung und Hilfe von nahen stehenden Freunden, Familie, einem Partner o.ä. vertrauen kann.

Traumata, kranke Beziehungssituationen, unlösbare Konflikte oder Katastrophen bedrohen die seelische Gesundheit, vor allem, wenn sie sich aus Not oder kindlicher Überforderung im Verborgenen abspielen. Seelische oder physische Krankheiten bringen diese Not zum Ausdruck und verlangen nach Zuwendung, Medikation und heilkräftiger Kommunikation. Die Art der Krankheit kann oft Hinweise geben, welche Lebensbereiche gestört sind – wenn es gut läuft, bringt der Heilungsprozess Lebensänderungen mit sich, die auch der seelischen Gesundung dienen.

Soziale Gesundheit, die Wahrnehmung, dass Umfeld und Gesellschaft nach menschengemäßen Kriterien bemüht sind, eine lebensfreundliche Umgebung zu schaffen und zu halten, ist ein dauernder Prozess, an dem ich mich nach Möglichkeit beteilige. Wenn er schiefläuft, braucht es persönliche Ressourcen (sinnstiftende, physische und seelische Kräfte) und Vertrauenspersonen, um trotzdem heil zu bleiben oder heilend wirken zu können. Krankheiten wie Stress, Überforderung, Depressionen, Daueraggressionen, Rückenschmerzen haben ihre Ursache oft in sozial und wirtschaftlich ungesunden Situationen.

In unseren Breiten gibt es ein recht gutes Gesundheitssystem und relativ großen materiellen Wohlstand. Allerdings ist in der letzten Zeit eine zunehmende geistige Verwirrung entstanden. Durch den Informationsüberfluss, den globalen Medientratsch und die heftige Reisetätigkeit vermischen sich die früher tragenden Menschheitserzählungen zu einem chaotischen Fleckerlteppich. Ein geistiges Tohuwabohu, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächt und kränkt. Die vielen Informationen werden physisch, seelisch und sozial nicht mehr/noch nicht verankert. Viele Menschen wenden sich alten Formen zu (Nationalismus, religiöser Fundamentalismus etc), um durch einen Schritt zurück Sicherheit zu gewinnen – diese alten Formen wirken nun aber oft pathologisch, sie verstärken und polarisieren die Symptome kultureller Krankheiten.

Der Verunsicherungsprozess, den Corona mit sich bringt, die komischen Grenzziehungen, mit denen wir versuchen, über unsere eigenen Schwächen und diejenigen unserer Leitbilder und Institutionen hinwegzukommen, schreien nach erneuerten Formen und lebensfreundlicheren Strukturen. Die weltweite Verbreitung des Virus verlangt nach ganz neuen Formen von Solidarität und Zusammenarbeit, aber auch dringend nach einem wesensgemäßen Umgang mit der Natur, sowohl mit Pflanzen und Tieren als auch im Hinblick auf die klimatischen Veränderungen. Es braucht eine Mischung aus Lebensfreude, Bescheidenheit, Rücksichtnahme und viele kreative Ideen zur menschenfreundlicheren Umgestaltung wirtschaftlicher, technischer und kultureller Beziehungen.

Solche Dinge fallen leichter, wenn wir auch an unserer spirituellen Gesundheit arbeiten. Eine heftige geistliche Krankheit ist die Ideologiegläubigkeit (Ideologien wie diejenige vom grenzenlosen Wirtschaftswachstum, der Gewinnmaximierung, des Materialismus, der Egomanie, der Technikhörigkeit genauso wie religiöse Ideologien aller Art und Couleur), sie beeinträchtigt mit ihren unreflektierten Glaubenssätzen unsere Urteilsfähigkeit und setzt Ideengebäude absolut, anstatt uns zu ermächtigen, mit Hilfe kluger Ideen füreinander zu wirken und in der Welt aktiv zu sein. Nicht die alten Menschheitsgeschichten müssen in ihrem Wortlaut absolut gesetzt werden, sondern wir sind gefragt, dass wir alte und neue Geschichten so erzählen und formulieren, wie unsere eigene durchlebte Lebenserfahrung sie verständlich und heilsam macht. Dann entstehen neue bildhafte Beispiele, unsere Werte und Wahrheiten entwickeln neue Motivationskräfte.

Kraft geben auch gemeinsame Rituale – wir können sie jetzt nur langsam neu erringen, denn die alten zerbröseln vielfach und schwächen die soziale Gesundheit. Es braucht Konzentration auf die Geschichte, den Text des Rituals, der stimmig sein muss und so vertrauenswürdig, dass echte Einsicht seine Kraft aufleuchten lässt. Gemeinsame Dankbarkeitsübungen, echte Dialoge (wie etwa nach Bohm), Kontemplation, Licht- oder Stillemeditationen – sie alle verändern die innere und die gemeinsame Stimmung, sie ordnen, strukturieren und klären das Zusammensein.

Gesundheit ist nicht etwas Fixes, sie rollt in Wellenbewegungen durch uns hindurch. Sie leuchtet aus uns selbst heraus, wenn wir durch in alten Zeiten errungenes gleichgewichtiges Zusammenwirken freundlich getragen werden und sie leuchtet unserer Sehnsucht von außen, wenn Widriges, Schwieriges, Unbekanntes unsere Lebens- und Heilungskräfte herausfordert, damit sich Trübes, Unmenschliches lösen und unsere Selbstempfindung sich wieder klären kann.