MEIN (ÜBER)LEBEN IN DER CORONA-KRISE

Dezember 2019 bis Februar 2020: Irgendwo im fernen China gibt es Erkrankungen mit einem neuen Virus, liest und hört man in den Medien. Na gut, was kümmert das uns?

10. März 2020: Das Virus ist in Europa angekommen. Shutdown in Österreich: Die Bundesregierung gibt u.a. bekannt, dass Veranstaltungen intern nur mehr bis 500 und extern nur mehr bis 1.000 Personen erlaubt sind.

Schock,Verwirrung, eine Katastrophe für mich. Mein Leben ist zu einem bedeutenden Teil auf das Erleben von Kultur ausgerichtet. Drei Konzerte und eine Live-Übertragung aus der MET in New York sind im März fix gebucht, weitere Kulturaktivitäten fix geplant. Ein Leben ohne Kunst und Kultur konnte ich mir schon als Kind und Jugendliche nicht vorstellen. Die Kunst bescherte mir nicht nur viele erfüllende Stunden, sie hat mir auch die Kraft gegeben, über viele dunkle Stunden des Lebens hinweg zu kommen, so auch durch die Zeit meiner Krebserkrankung. Claus Peymann in „Die Bühne“ 6/2020 spricht mir aus der Seele: „ Eine Welt ohne Kunst, ohne Musik, ohne Theater, ohne die Malerei wäre eine Wüstenlandschaft!“

Dann geht es fast jeden Tag Schlag auf Schlag: Alle Gastronomiebetriebe, alle Schulen und Hochschulen, alle Geschäfte – bis auf die bekannten Ausnahmen – geschlossen, alle Veranstaltungen abgesagt und Bewegungseinschränkungen. Das Hinausgehen aus der Wohnung ist nur mehr aus vier Gründen erlaubt. Keine Kontakte mehr mit der Familie, mit Freunden, Umarmungen, Küsse verboten. Ich empfinde: es ist der Kontrollverlust über mein eigenes Leben. Das betrifft abertausende Menschen in Österreich. Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie noch nie nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Unendlich viele Menschen, auch aus dem Kulturbereich, stehen vor dem existentiellen Nichts.

Was tun? Ich sehe, die Menschen versuchen die verschiedensten Wege: Am Anfang Klopapier, Germ und Konservendosen hamstern, laufen oder viel spazieren gehen an der frischen Luft, Brot backen… Ich telefoniere viel mit FreundInnen, Sohn und Enkeltochter gehen für mich einkaufen (jedes Mal ein Labsal, sie zu sehen und zu sprechen) und gehe so viel spazieren wie noch nie in meinem Leben. Der Auftrag, daheim zu bleiben, treibt einen offenbar besonders hinaus. Noch dazu ist der Frühling voll ausgebrochen, alles blüht und grünt und diese machtvolle Kundgebung des Lebens verstärkt dieses Gefühl der Unwirklichkeit, des Gespenstischen, das man anlässlich des Shutdown in all seinen Auswirkungen auf unser aller Leben empfindet.   Kultur wird sehr schnell und in immer größeren Umfang per Internet angeboten. Ich bekomme viele E-Mails von Freundinnen mit derartigen Angeboten weitergeleitet, da sie wissen, wie wichtig mir Kulturerlebnisse sind. Diese Zuwendung tut gut. Überhaupt: ich richte mich erstaunlich schnell in den neuen Verhältnissen ein. Der Mensch ist offenbar sehr anpassungsfähig, erlebe ich am eigenen Leib. Unruhig macht mich der Gedanke, dass meine jährlichen Nachsorgeuntersuchungen mit deren Befunde ich dann einen Termin im AKH habe, anstehen. Werde ich die Untersuchungen machen können, werde ich ins AKH gehen können? Alles ist offen.

Inzwischen sind dreizehn Wochen des Shutdown vergangen. Viele Beschränkungen wurden von der Bundesregierung aufgrund der guten Verlaufszahlen von Erkrankten, Wiedergenesenen und Verstorbenen wieder zurück genommen. Es gibt – wenn auch mit Einschränkungen – wieder Kulturangebote ab Juni. Und das ist gut so. Denn nichts kann den direkten Kontakt zwischen KünstlerInnen und Zuschauern ersetzen, dieses Erlebnis des Gemeinschaftsgefühls. Ich konnte schon für drei Konzerte Karten kaufen, was für ein Hochgefühl! Auch Treffen mit Familie und FreundInnen hatte ich schon. Wie schön! Nur das nach wie vor vorhandene Verbot des Händegebens, des Umarmens und des Küssens ist schwer zu ertragen. Ich ertappe mich immer wieder bei dem Impuls, dies zu tun und bremse mich im letzten Augenblick ein.

In diese Zeit des Stillstandes eines normalen Lebens fielen für mich auch etliche geplante und ungeplante Spitals-, Arzt- und Untersuchungstermine wie z.B. die erwähnte Krebsnachsorge. Teilweise organisatorisch mühsam, diese Termine wahrzunehmen, aber immer mit dem Erleben, dass sich alle handelnden Personen bemühten, die notwendigen Untersuchungen und Behandlungen zu ermöglichen. Ich bin wieder einmal froh und glücklich, in Österreich, in Wien zu leben.Was ist die Schlussfolgerung aus diesen Wochen der Corona-Krise für mich? Ich bin doch stolz darauf, diese außerordentlichen Umstände recht gut bewältigt zu haben und wieder einmal erstaunt, was alles zu schaffen ist. Dies macht Mut, in die nächsten Herausforderungen zu gehen.